© Margitta Bieker 1999

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Aus anderer Landschaft...

Der Tag wird gut.

Das Wetter ist hervorragend für eine Bergwanderung und ich habe Stift und Papier im Rucksack, die schönsten Momente will ich mit Skizzen einfangen. Die Alpen auf der Nordseite bei sonnigem Wetter sind unvergleichlich. Es wird eine Tagestour von acht Stunden, alle Pausen zum Trinken und Malen mit gerechnet.

Die erste Etappe von einer Stunde führt mich bis zum Fuß der Kampenwand, dann erst wird es anstrengend. Ich sehe den Berg hinauf. Es ist noch früh. Keine Menschenseele zu sehen.

Vor den ersten wirklich steilen hundert Höhenmetern halte ich an. Vor mir liegt ein riesiger Felsbrocken, zwei Meter hoch und bestimmt drei Meter im Durchmesser. Der Fels ist schroff, mit Furchen und Spalten, aber seltsamerweise ist kein Moosbewuchs zu sehen.

Ich kann mich nicht erinnern, ihn vor ein paar Monaten hier gesehen zu haben, als ich diese Tour auf Skiern mit einer Wandergruppe unternahm. So viel Schnee kann es gar nicht geben, um dieses Monstrum zu überdecken. Oder doch?

Ich lege den Rucksack ab und greife nach der Trinkflasche. Meine Augen tasten diesen Findling nach brauchbaren Griffen und Tritten ab. Eine kleine Kletterübung kann nicht schaden. Dieser Riese scheint wie geschaffen für eine Boulder-Einlage zu sein, obgleich ich mit Seil und Haken besser zurecht komme. Ich ziehe meine Jacke aus und probe skeptisch den Griff. Es kommt hin. Hier ein Tritt, da zwei Griffe, ein Riss, in den ich meine zwei Finger stecke, ausatmen und - hochstemmen, na also!

Oben hat der Brocken eine richtige Plattform, auf die ich mich niederlasse und warte, bis mein Atem sich beruhigt. Herrlicher Blick über den Talschluss.

Ich sehe den Weg, auf dem ich vorhin entlang kam. Ich greife nach meinem Skizzenbuch in meiner Hosentasche. Das lohnt sich hier. Ich male mit ein paar Strichen den Latschenkieferwald unter mir.

Es ist total still. Kein Mensch zu sehen und zu hören. Ich bin allein.

"Guten Tag!"

Erschrocken fahre ich herum, lasse meinen Bleistift fallen. Ich hörte niemanden kommen.

Unten steht ein Mann, hoch gewachsen, sehr muskulös, in kurzen Hosen und einem verdreckten, löchrigen Pullover oder etwas ähnlichem. Er ist so schmutzig, dass ich das nicht mehr erkennen kann. Ein zotteliger Bart mit Filz und Tannennadeln rundet das Bild von einem Obdachlosen ab. Aber die laufen doch nicht in den Bergen herum? Und seine Schuhe gleichen Römersandalen, auch nicht gerade die vorschriftsmäßige Ausrüstung für die Berge.

"Oh, hallo! Sie haben mich aber ganz schön erschreckt!"

"Das tut mir leid, das wollte ich natürlich nicht. Aber sie sitzen auf meinem Stein!"

Ich schnappe verblüfft nach Luft. Ist das ein Irrer?

"Achso. Das finde ich schade. Ich meine, dass ich auf Ihrem Stein sitze, der ist ja sehr schön. Und ich konnte nicht ahnen, dass das Ihr eigener Stein ist!"

Die Ironie prallt an ihm ab, er lächelt gütig.

"Macht ja nichts. Wie sind Sie denn da rauf gekommen? Haben Sie eine Leiter im Gepäck?" Er hustet plötzlich. Das Produkt dieser Anstrengung spuckt er seitlich von sich.

Ich erhebe mich langsam, mustere ihn dabei aus wahrscheinlich olivengroßen Pupillen. Ich frage mich, ob ich Angst haben muss und wo ich jetzt sicherer wäre: Hier oben oder wenn ich wieder Boden unter den Füßen hätte?

"Ich kann klettern. Und habe ein wenig trainiert. Außerdem wollte ich die Aussicht genießen. Muss ich jetzt runter kommen?"

Jetzt lacht er aus vollem Hals.

"Nein, nein. Bleiben Sie ruhig. Ich versuche auch mal, auf meinen Stein zu kommen. Wissen Sie, den sehe ich sonst nur von unten. Wie haben Sie das denn gemacht?"

"Ach, das ist wirklich nicht nötig. Ich komme herunter, dann können wir uns doch..."

Er ist schneller als ich beim Bouldern. Schon steht er neben mir. Ich gehe einen Schritt zurück, mehr ist leider nicht drin.

"Oh. Ich mache Ihnen Angst? Das will ich nicht, wirklich! Sie brauchen nichts zu befürchten, ich tue keinem Menschen was. Kann ich auch gar nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Ja - die Aussicht ist klasse! Und das ist wirklich eine kleine Ab-wechslung für mich. Ich treffe so selten auf Menschen und habe seit Hunderten von Jahren mit keinem mehr gesprochen. Wundert mich, dass ich es nicht verlernt habe!"

Na bitte. Dachte ich mir doch, dass das ein Irrer ist. Ein ungewaschener Bärbeiß. Aber die meisten sind ja wirklich harmlos und ganz friedlich. Ich hole tief Luft und bewahre erst mal Ruhe. Nur keine Angriffsfläche bieten, immer zustimmen.

"Was malen Sie denn so? Darf ich....?" Er greift nach meinem Block und hebt meinen Bleistift auf. "Hier. Haben Sie verloren."

Dann starrt er auf das Bild. Sehr lange und aufmerksam.

"Wissen Sie, dass vor zweihundert Jahren hier noch der Gletscher lang floss? Und dass der Wald mit den Kiefern noch nicht zu sehen war?"

"Ja. Ich habe davon gelesen. Es ist interessant für die Gletscherforscher und Geologen, dass die Gletscher immer mehr zurück gehen."

"Die Geologen!" Er macht eine verächtliche Miene. Und hustet abermals, schluckt es dieses Mal aber tapfer hinunter. "Ich habe es selbst gesehen! Ich hatte diesen Stein schon vor 350 Jahren das erste Mal den Berg rauf gewälzt! Was glauben Sie, wie sich Landschaft verändert in so langer Zeit!"

"Was haben Sie?" Ich seufze. Gott, was für ein Spinner! Wie komme ich hier schnell wieder weg? Ohne ihn zu verärgern? Er sieht so kräftig aus.

"Wissen Sie nicht, wer ich bin?" Es klingt sehr erstaunt, fürwahr.

"Nein. Sie haben sich nicht vorgestellt. Woher sollte ich sie kennen? Ich lebe erst seit vierzig Jahren!"

"Haben Sie nicht die griechische Mythologie in der Schule gelernt? Die Psychologie kommt doch gar nicht ohne aus! Was machten die ohne ihren Ödipus?" Er lacht schallend los. Humor hat er ja, das muss ich ihm lassen. Ich fingere nach meinen Zigaretten. Jetzt geht es nicht mehr ohne Rauch.

"Kennen Sie die Arbeit, die nichts und gar nichts einbringt, sehr anstrengend ist und immer wieder von vorne beginnt?"

Ich stecke mir die Zigarette an, nehme einen Zug und blinzele.

"Ja. Natürlich kenne ich die. Wir Frauen nennen es 'Hausarbeit'."

"Hausarbeit ist nicht umsonst. Sie sehen sofort Ergebnisse. Sie halten - zugegeben - nicht lange an, aber es befriedigt und man kann viel nachdenken und bekommt auch Lob dafür! Nein, nein... ich meine, wirklich sinnlose, absurde Arbeit, Beschäftigung, eine Strafe! Na? "

Jetzt muss was kommen. Was meint er denn nur? Dann lache ich auch schallend.

"Sisyphos. Sie meinen "Sisyphosarbeit", nicht wahr? Ja, die kenne ich! Mache ich manchmal auch, manchmal sogar jeden Tag! Ich bin Krankenschwester und arbeite mit Ärzten zusammen, die jeden Tag aufs neue erzogen werden müssen!"

"Krankenschwester? Wie interessant! Das ist keine Sisyphosarbeit, das ist ein Beruf, der zwar schwer ist, ja, sehr schwer, aber Sie nehmen so am Leben anderer Menschen teil, das ist doch eine Ehre und nie langweilig!"

Wieso kennt er sich mit Krankenschwestern aus?

"Was machen Sie eigentlich mit diesem stinkenden Zeug da? Wozu soll das gut sein?"

"Das ist ein Sargnagel, ein Tröster in schweren Stunden, ein Schnuller für Erwachsene!"

"Darf ich auch mal...?" Er greift nach meinem Glimmstengel.

"Nein, Sie husten schon genug. Wie heißen Sie denn nun?"

Er zieht die Augenbrauen hoch, stöhnt ein wenig. "Na, wie wohl? Stein und unnütze, absurde Arbeit? Wer bin ich wohl?"

Ich starre ihn an. Ich stoppe meine Atmung. Und rühre mich nicht von der Stelle. Die Zigarette verbrennt mir die Finger

"Sisyphos?" hauche ich, traue mich wieder Luft zu holen.

Er lacht wieder, haut sich auf die blanken Schenkel. "Richtig! Ich bin Sisyphos!"

Natürlich. Wer auch sonst? Ich wandere durch die Alpenlandschaft, nichts ahnend, klettere auf einen Fels, der zufällig Sisyphos gehört. Und der setzt sich neben mich, redet mit mir, als wäre das völlig normal! Schizophren? Psychose?

"Quatsch. Das ist ein Mythos, keine lebendige Gestalt. Wo sind Sie denn weg gelaufen? Haben Sie Ihre Tabletten nicht genommen? Wollen Sie mich verschaukeln? Oder sind Sie nur mit einer üppigen Fantasie ausgestattet? Damit könnten Sie ja glatt Geld verdienen!" Jetzt reicht es! Ich springe auf.

Mit einem Male sieht er traurig aus. Er kaut auf seiner Lippe und sackt ein wenig in sich zusammen. Fast tut er mir leid. Lass' ihm doch seinen Wahn! Kann doch vielleicht ganz interessant werden!

Nun wird es still zwischen uns. Sein Blick geht in die Ferne.

"Sie glauben mir nicht?" fragt er ganz leise.

"Nein, nun - jedenfalls nicht alles. Nur ein bisschen. Ich wäre auch gerne schon mal jemand anderes, manchmal, aber ganz bestimmt nicht Sisyphos! Sie können nicht der arme Mann am Berg sein, der den Stein immer und immer wieder hinauf stemmt! Und schon mal gar nicht dieses Ungetüm!"

"Sie glauben mir nicht." Er seufzt, steht langsam auf. "Das ist schade. Sie hätten so viel lernen können, soviel erfahren!" Und begibt sich an den Abstieg.

"Ich muss los. So viel Pause war nicht geplant. Passen Sie auf ...., ich zeige Ihnen was."

Ich bin ebenfalls aufgesprungen, weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Hinunter klettern?

Der Stein bewegt sich. Kein Zweifel, er rutscht geräuschvoll ein paar Zentimeter bergan. Und da! Schon wieder. Dieses Mal ein größeres Stück. Dieser Irrer schiebt diesen Koloss vorwärts! Das ist doch nicht möglich! Wer spinnt jetzt eigentlich? Ich oder der??

"Warten Sie, ich komme herunter!"

Ich verpasse den letzten Tritt und mein Abstieg geht schneller, als ich wollte. Ich falle auf meinen Besten und schreie ein wenig auf. Das tat wirklich weh! So was Blödes.

Er kommt hinter dem Fels hervor und sieht sehr besorgt aus. Er hilft mir auf, hält mich fest. Da bemerke ich, dass er überhaupt keinen Geruch an sich hat. Er riecht nach - nichts. Das müsste er aber eigentlich, so dreckig, wie er aussieht. Und ich besitze eine empfindliche Nase.

"Hast du dir weh getan?"

Ich schnüffele verlegen. "Nein, nur ein bisschen. Schlechte Technik war das!"

Dann merke ich, dass ich auch seine Berührung gar nicht spüre. Als wenn mich ein Nichts anfasst. Ich sehe erst irritiert auf seine Hände, die meine Schultern halten und dann in sein Gesicht. Ich sehe ihn ganz deutlich vor mir, er hat braune Augen und richtige Zähne. Sie schimmern wie Perlen. Vorsichtig lege ich meine rechte Hand auf seinen wilden Schopf, dann merke ich jedoch, dass diese Geste viel zu intim ist und zucke zurück. Ich spüre ihn nicht. Ich sehe jemand, der nicht greifbar ist, sonst müßte ich ihn doch anfassen können.

Er lächelt.

"Alles nämlich, was ich bis heute als ganz wahr gelten ließ, empfing ich unmittelbar oder mittelbar von den Sinnen; diese habe ich bisweilen auf Täuschungen ertappt, und es ist eine Klugheitsregel, niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein einziges Mal getäuscht haben, nicht wahr?"

"Warum riechst du nicht? Warum kann ich dich nicht anfassen?"

"Ich bin ein Mythos, virtuell. Kein Mensch. Der Möglichkeit nach vorhanden. Und ein Mythos stinkt nicht, und anfassen kannst du ihn auch nicht. Leider. Ich habe Frauen gerne..."

"Ja, das glaube ich." Ich winde mich aus einer Berührung, die ich nicht spüre, aber sehe. Bisher konnte ich jedenfalls meinen Sinnen immer trauen. Außer, wenn ich verliebt war. Vielleicht träume ich ja auch nur? Und wache gleich auf? Jedenfalls bin ich nicht verliebt.

"Was heißt 'virtuell'?"

"Der Möglichkeit nach vorhanden, verstehst du?"

"Nein."

Er seufzt. "Das ist doch ganz einfach. Du siehst mich, weil du erkennen kannst! Weil es in deinem Geist diese Möglichkeit gibt!! Wie heißt du?"

"Katharina."

"Katharina. Schöner Name. Also Katharina, ich bin eine Möglichkeit, verstehst du jetzt?"

Er ist ein Mythos. Mythos ist griechisch und bedeutet 'Erzählung'. Es ist möglich, dass ich einer Erzählung begegne, sie aber nicht fühlen und riechen kann. Na gut. Ich beschließe, dass es möglich ist.

"Wieso bist du eigentlich zu dieser schweren Strafe verdonnert worden? Was hast du denn angestellt?"

"Da streiten sich die Überlieferungen. Und ich weiß es nicht mehr genau, es ist zu lange her. Ich habe die Götter erzürnt, weil ich den Tod in Ketten gelegt habe, ich habe geklaut, meine Frau betrogen und Zeus verraten und ..., naja, was man im alten Griechenland so trieb..."

"So mit kleinen Jungs'?" Ich kann es mir nicht verkneifen.

"Nein, das nicht. Ich liebte die Frauen zu sehr. Ihr seid etwas Wunderbares, wirklich! Glaubst du mir jetzt, dass ich Sisyphos bin?"

"Ja."

Mein Verstand weigert sich zwar, aber irgendwie.... ist alles sehr merkwürdig, hier, ich wollte ja nur ein bisschen wandern, und jetzt rede ich mit einem Mythos aus anderer Landschaft, der schöne Augen hat, nicht riecht und den ich nicht anfassen kann. Schade eigentlich.

"So. Das ist schön. Dass du mir glaubst, meine ich. Aber jetzt muss ich unbedingt los. Du hast doch nichts dagegen? Vielleicht begleitest du mich ein Stück?"

"Wohin denn?"

"Na, den Berg hinauf. Der Stein muss wieder rauf! Ich habe mir jetzt eine neue Route ausgedacht, das bringt Abwechslung in die Angelegenheit." Er lacht schelmisch.

Er stellt sich in Position, atmet tief ein und aus. Ich kann nicht glauben, dass er dieses Monstrum gleich vorwärts bewegt, das gibt es doch nicht. Und tatsächlich. Er bewegt sich. Mein virtueller Mythos stemmt sich mit seinem ganzen materielosen Körper dagegen, das Gesicht zur Seite an den schmutzigen Fels gepresst, und ich sehe staunend, welche Muskelpakete sich unter dieser Haut tummeln und aktiv werden.

Einen Meter. Er ächzt und verdoppelt seine Anstrengung. Zwei Meter. Meter! Das kann man ja nicht mit ansehen.

"Soll ich dir helfen?" Ich stelle mich neben ihn.

"Untersteh' dich! Das ist mein Stein! Such' dir einen eigenen! Wie kannst du denn bei so einem Koloss helfen wollen?"

"Ich wollte nur nett sein!" Jetzt bin ich pikiert.

Er hält ein, schnaufend.

"Da weiß ich doch schon, was dein Problem ist! Bietest deine Hilfe für anderer Leute Stein an, und dann bekommst du deinen eigenen nicht mehr hoch! Oder - du verlierst deinen völlig aus den Augen! Vielleicht bindest du dir statt dessen falsche Felsen wie Mühlsteine um den Hals und hast noch dazu einen am Fußgelenk! Kommt das hin?"

Ich schlucke. Da ist was dran.

"Was soll ich denn sonst machen? Ist ja auch mein Beruf. Ich helfe Menschen, ihren Stein fort zu bewegen!"

"Glaub mir. Das kannst du nicht. Jeder hat seinen Stein. Für diesen ist er ganz allein verantwortlich. So. Und jetzt weiter."

Und die Schinderei beginnt von vorne. Er hat recht - da kann ich ihm nicht helfen.

"Sisyphos?" Wie leicht mir nun der Name von den Lippen perlt.

"Hm?"

"Du hast den Tod in Ketten gelegt?"

"Ja."

"Wie hast du das gemacht? Äh, ich meine, wie kann man den Tod in Ketten legen? Wo ist der Tod? Wie sieht er aus?"

"Weiß ich nicht mehr. Er sieht gut aus. Keine Sense, kein Stundenglas, kein schwarzer Kapuzenmantel. Und - soll ich dir was verraten? Es ist ein Geheimnis, aber das glaubt dir sowieso keiner, wenn du es verrätst. Der Tod ist weiblich!"

Ich schnappe nach Luft.

"Der Tod ist eine Frau? Du spinnst ja!"

"Ich sagte, der Tod ist weiblich, nicht, dass er eine Frau ist!"

"Frauen sind nun mal weiblich, oder willst du das abstreiten?"

"Nein, Frauen sind weiblich, da hast du ja recht. Aber was du meinst, sind die weiblichen Attribute, die eine Frau ausmachen und die den Männern so gut gefallen. Mit 'weiblich' meine ich hier mehr die Eigenschaften, so von ihrem Ursprung her, nicht die des Aussehens! Eigenschaften, hörst du? Frauen sind weniger aggressiv, offener, hegen ihre Brut, besitzen mütterliche Instinkte, die sie nicht nur auf ihre Nachkommen anwenden, sind sanft, weich usw. All' das hat der Tod auch."

"Wieso heißt er dann 'der Tod' und nicht 'die Tod'?" frage ich bockig nach.

"Im Französischen ist der Tisch auch weiblich! Was soll das? Machen wir jetzt einen Wettstreit in Semantik und Übersetzung? Das ist doch nicht abhängig von dem Artikel vor dem Substantiv, ob es männlich oder weiblich ist!"

Ich runzele die Stirn. Bisher glaubte ich dieses.

"Naja, das habe ich vor Urzeiten aber mal in der Schule gelernt!"

"Vergiss das einfach! Manchmal steht einem das Erlernte nur im Wege. Also, der Tod ist weiblich, weil er den Menschen nach Hause holt. In ein bereitetes Nest. Und weil er dabei behutsam vorgeht. Das war eine dumme Idee von mir, ihn in Ketten zu legen, schließlich hat er dann nichts mehr zu tun, und den Menschen wird langweilig, weil sie ewig warten müssen."

"Ach was! Nur am Schluss ist das Leben eine Summe von Stunden, auf die man zulebt. Alles andere ist nur ein langes Warten gewesen!"

"Ja, aber nur, wenn du keinen Fels hast, den du hoch stemmen musst. Wer hat denn so etwas gesagt?"

"Kästner. Er hat das geschrieben."

"Das ist Unsinn. Kein Mensch wartet das ganze Leben. Jeder tut etwas. Und überhaupt - die Krankenpflege und die Medizin tun doch nichts anderes. Ihr versucht, den Tod in Ketten zu legen, ihn in ein Separeé zu verbannen.. Manchmal gelingt es - für einen gewissen Zeitraum. Oder ihr entreißt den Menschen dem Tod und entzweit ihn. Dann leben sie weiter. Im Bett, als Krüppel ohne Selbst-bestimmung. Der Stein ist oben, aber sie selbst rollen wieder den Berg hinunter. Das ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Und da seid ihr auch noch stolz drauf!"

"Nein. Ich bin da jedenfalls nicht stolz drauf. Sag' mal... ist der Stein denn jemals oben?"

"Ja. Natürlich. Wenn man tot ist. Dann ist es vollbracht. Wenn ihr das verhindert im Krankenhaus, ist der Stein oben, aber der Mensch fällt den Berg wieder hinab. Na, was ich schon sagte. Und bleibt liegen. Ohne seinen Stein, ohne seine Aufgabe. Und er bekommt ihn nie wieder. Das ist das Traurige. Entschuldige- es geht weiter."

      Er stöhnt und ächzt. Das Anrollen scheint besonders schwierig zu sein.

"Wie lange dauert denn so eine Route? Ich meine, wenn du wieder von unten anfängst, wann bist du oben?"

"Ich habe kein Zeitgefühl wie die Menschen. Für einen Mythos gilt nur die Unendlichkeit", presst er hervor.

"Hast du schon mal einen anderen Berg ausprobiert? Ich meine..., wegen der Abwechslung!"

Er stutzt.

"Wieso einen anderen Berg?"

"Ich meine ja nur, es gibt doch noch viel mehr als die Alpen! Viel, viel höhere als diesen Winzling hier, den du bearbeiten könntest! Der Mount Everest zum Beispiel, das ist der höchste Berg der Welt!"

"Wo ist der?" Jetzt habe ich ihn neugierig gemacht!

"Im Himalaya. Auf dem Dach der Welt, fast 9000 Meter ist er hoch und er wächst jährlich sogar. Aber nur um Millimeter! Es ist ein heiliger Berg nach dem Glauben der Sherpas, dort oben wohnen die Götter!"

"Im Himalaya? Da glauben die Menschen nicht an einen Mythos wie mich! Und mit den Göttern möchte ich nicht so unbedingt in näheren Kontakt treten, verstehst du? Die Menschen dort haben andere Überzeugungen, deshalb kann ich da schon mal nicht hin! Aber die Idee hat was, mal einen anderen Berg zu nehmen! Welche Berge hast du denn schon bestiegen?"

"Och, das ist eigentlich nicht erwähnenswert. Die Wildspitze, in der Brenta, ein paar in den Hohen Tauern, warum?"

"Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass das auch eine völlig unsinnige, absurde Tätigkeit ist, auf Berge zu klettern oder an Felsbrocken zu bouldern? Wer hat denn davon einen Nutzen?"

"Na, ich natürlich!"

"Ach? Und wieso ist dann das Felsen hochstemmen eine Ewigkeit lang eine absurde, schwere Bestrafung?"

Ich schaue den unfassbaren Mythos an.

Er schaut mich an.

Ich frage mich gerade, ob ein Mythos überhaupt männlich ist. Oder nur diese Eigenschaften besitzt. Er sieht jedenfalls so aus. Hm. Er hat recht. Wieso ist für mich auf Berge klettern mit schwerem Rucksack und Seil eine nutzbringende Angelegenheit? Wieso plage ich mich einen Felsblock hoch, der einem Mythos gehört? Welche Maßstäbe gelten hier eigentlich? Für manche meiner Zeitgenossen ist das gleichfalls eine Bestrafung, schon deshalb, weil es anstrengend ist, und man kein Auto mitnehmen kann.

Ich lache verlegen. Dieser Punkt geht an ihn. "Das weiß ich nicht. Jeder, wie er kann."

"Ich sagte doch, du wirst viel lernen heute." Er wendet sich wieder seiner Ewigkeits-aufgabe zu.

Was macht er eigentlich, wenn er den Stein kurz vorm Gipfel wieder verliert? Pause? Sich irgendwelche Gedanken? Der weite Weg zurück, um von vorne zu beginnen?

"Sisyphos?"

"Hm." Er schiebt mit verzweifelter Anstrengung. Jetzt kommt ein schwieriges Teilstück: Geröll, wohin das Auge sieht. Ein Weg ist nicht erkennbar. Wir schieben hier quer durch die Gebirgslandschaft. Ich schätze, diese Route gibt es auf keiner Karte.

"Darf ich dich mal zeichnen? Während du schiebst?"

"Wenn du meinst, dass das sinnvoll ist und du mich erkennen kannst. Warum nicht?"

"Super!" Ich lange nach meinem Block in der Jacke. Es geht relativ einfach, bei diesen definierten Muskeln und langen Haaren und dem wilden Blick. Wäre er mir in der S-Bahn begegnet, ich wäre schreiend weg gelaufen. Außerdem hat er nun Zeit zum Schieben.

Als ich verschiedene Skizzen fertig habe, verspüre ich Hunger.

"Machst du denn auch mal Pause? Zum Essen und Trinken, zum.... na, du weißt schon..."

"Nein. Ein Mythos hat keinen Hunger, keinen Durst, und das andere - auch nicht."

"Aber du hast Gefühle! Du lachst, und eben, als ich nicht glaubte, dass du Sisyphos bist, warst du traurig!"

"Ja. Ich habe Gefühle, aber keine Bedürfnisse. Das ist eine wundervolle Kombination, sie macht dich unangreifbar und unverletzlich. Du wartest auf nichts mehr, hegst keine überflüssigen, kräftezehrenden Hoffnungen, kennst keine Enttäuschungen. Die Hoffnungen haben die anderen, die Menschen, die an einen Mythos glauben!"

"Also ist Sisyphos glücklich?"

"Ja. Der Kampf gegen Gipfel kann Mensch und Mythos glücklich machen!"

Sisyphos! Mensch Mythos, mach' mir Mut und halte mich, gibt's morgen auch kein Wiedersehn'!

"Nur ab und zu musst du mal husten?"

Er hält inne mit seiner Bürde und grinst. "Erwischt! Ja, hin und wieder muss ich husten. Ich atme viel Dreck ein auf diesen steilen Wegen! Das muss natürlich wieder heraus! Du bist ganz schön clever!"

"Fehlt nur noch, dass du jetzt sagst: 'Ganz schön clever für eine Frau'!"

"Unsinn! Ihr Frauen habt den Männern so viel voraus! Ihr denkt mehr beziehungs-orientiert, seid nicht so statusbesessen - von Ausnahmen mal abgesehen - und viel weniger egozentrisch. Wenn Frauen die Welt regierten, gäbe es weniger Kriege, da bin ich mir sicher. Jede Frau, die Mutter ist, kann nur gegen Krieg sein! Schließlich zieht sie ihre Brut nicht hoch, um sie weg schießen zu lassen. Männer kreisen mit ihren heimlichen Ängsten immer um die Frage ' Was ist eigentlich ein richtiger Mann? Fehlt mir was?' Das Problem ist nur, ihr wißt es nicht alle, dass ihr so viel könnt, ein weiteres Problem ist der Umstand, dass ihr euch nicht einig seid. Da haben euch die Männer wieder mehr voraus. Zu viele Frauen fühlen sich in ihrer Abhängig-keit einfach zu wohl und wollen gar nichts ändern!"

"Und was war mit Lysistatra? Waren sich die Frauen da nicht einig? Männer mit Sexentzug strafen, um sie vom Kriegführen abzuhalten?" frage ich listig.

"Mit Sexentzug straft sich jede Frau nur selbst. Es sei denn, der Sex an sich ist schon eine Strafe für sie - soll es ja geben - weshalb sie ohne Verlust darauf verzichten kann. Aber - Lysistatra hatte keinen Mann, war nicht verheiratet. Sie hat von ihren Geschlechtsgenossinnen etwas verlangt, was ihr selbst sowieso vorenthalten war. Und einig? Pah! Wie viele haben den Streik gebrochen? Hielten es vor Sehnsucht nicht aus, als Ihr Gatte endlich, endlich nach Monaten gesund aus dem Feld heimkehrte? Und seine Wunden gepflegt haben wollte? Ach, weißt du, nichts und niemand hält einen Mann davon ab, sich zu prügeln und mit Rivalen zu messen, wenn er es denn unbedingt will! Sexentzug macht ihn nur noch aggressiver! Nein, was Lysistatra da verlangte, war irrsinnig, das musste einfach scheitern."

"Ja, ich fand auch, dass das eine schlechte Idee war. Aber - es ändert sich doch anscheinend nie etwas. Es ist fast so, als könnte ich über mein Bett den Spruch schreiben: 'Mal hatt' ich keinen Becher, mal fehlte mir der Wein'! Von wegen, auf jeden Topf passt ein Deckel!"

Er sieht mich prüfend an, lässt wieder von seinem Fels ab.

"Wie sieht es mit dem Spruch aus: 'Was ich nicht lebte, werde ich auf immer vermissen?' Passt der nicht besser? Oder bedingt das nicht eigentlich, dass du nie beides hast, Becher und Wein? Was wäre denn schlimmer für dich: Etwas oder jemanden ein Leben lang hinterher zu jagen oder es und ihn für kurze Zeit zu besitzen, um es dann wieder hergeben zu müssen?"

Ich schnappe nach Luft! Was sind das für kryptische Worte? Wie soll frau sich entscheiden?

"Alles zu seiner Zeit. Es gibt nichts, was ewig hält, es sei denn, man ist ein Mythos wie du und bleibt auf ewig ein Felssolist. Außerdem hatte ich das alles schon: Ich habe besessen und erlebt, es war nicht gut auf Dauer, habe es wieder abgegeben und suche erneut. Vielleicht weiß ich auch nicht, was oder wem ich eigentlich hinterher jage."

"Dir selbst. Du suchst dich nur selbst. Im anderen. Du suchst dir nur die Falschen aus. Du träumst von einer Legende mit Glück ohne Ende. Damit umgehst du zwar geschickt deine Angst, in der Falle zu sitzen. Doch sitzt du schon lange darin, und du hast dich selbst hinein manövriert. Dabei ist die Tür nicht verschlossen. Es ist nicht so wie bei meinem Kollegen Tantalos: Er kann nicht hinaus, leidet bei der Fülle von Verlockungen vor Augen und kann nicht zugreifen. Aber - das ist nun mal seine Strafe, die ewige Aufgabe. Deine ist das nicht. Also, greife endlich zu, aber richtig. Vergiss die Angst vor dem Käfig, oder - noch schlimmer - die Furcht, etwas Entscheidendes zu versäumen! Das ist der Rat, den ich dir geben kann. Mache etwas daraus. Und sieh das Leben nicht als viele, verlockende Boulderstationen, die, wenn du sie bezwungen hast, langweilig werden!"

"Den anderen geht es aber nicht besser! Es ist ja nun nicht so, als ob ich die einzige wäre mit diesem Problem!"

"Nein. Das bist du nicht. Ändert das etwas? Ist es nicht ungleich schlimmer, wenn viele Menschen, Männer wie Frauen, an epidemischem Herzversagen sterben? Und das auch noch ganz alleine? Was wünschst du dir denn wirklich? Wenn ich ein Flaschengeist wäre - welchen dringlichsten Wunsch wolltest du erfüllt haben? Liebe?"

"Liebe? Was ist Liebe? Weiß das ein Mythos?"

"Liebe hat Gründe, die der Verstand nicht kennt. Liebe hat eine eigene Sprache, ist uneigennützig, kennt keine Berechnung, ich nenne es mal: Bedingungslose Wert-schätzung! Ja. Und das Ganze wird gemeinsam zu mehr als es die Summe seiner Teile sind. Das verstehst du doch, oder?"

      Ich sage nichts. Mich überfällt Traurigkeit. Habe ich schon jemals jemanden in diesem Leben bedingungslos wertgeschätzt? Oder wurde mir solches zuteil?

Kenne ich jemand, der jemand kennt, der jemand bedingungslos wertschätzt? Wenn sie gestorben oder nur fort sind, und ich mir die Vergangenheit vergolde und alles Traurige, alle Verletzungen fortlasse - dann vielleicht? Und wenn das Ganze zerfällt, dann automatisch wieder in die Summe seiner Einzelteile? Oder bleiben Fragmente auf der Strecke?

"Jetzt siehst du traurig aus", sagt mein Mythos. Und macht sich an dem Fels zu schaffen.

Sisyphos, ich bin doch eine Blinde, darum führe mich!

"Liebst du deinen Stein?" frage ich ratlos. "Hast du geliebt?"

"Ja, das Leben."

"Deine Frau?"

"Nein. Niemand hat aus Liebe geheiratet. Das war ganz gut so. Die Menschen hatten nicht so viele Illusionen, verklärten nichts in Rosa und hatten kaum Erwartungen. Das ging besser als heute."

"Wie langweilig." Ich grunze. Will er mir das jetzt schmackhaft machen?

"Nun, da kann man ja abhelfen."

"Mit Knabenliebe zum Beispiel."

"Ja, es gab viele, die das bevorzugten. Ich nicht."

"Andere Frauen?"

Er schmunzelt verlegen. "Das schon eher!"

"Und das soll nun besser sein?!" Spinnt er jetzt?

"Es geht nicht um besser oder schlechter. Es geht ums Leiden. Wir haben weniger gelitten. Wir waren nicht so enttäuscht, weil wir keine Erwartungen hatten. Nicht die, die ihr heute pflegt. Wer keine Erwartungen hat, wird nicht enttäuscht."

"So schlecht sind Enttäuschungen ja nicht. Wenn man es mit 'd' statt mit 't' schreiben könnte, hieße es 'Ende einer Täuschung'. Und das ist ja eigentlich nur gut, oder?"

"Ja. Ich frage mich nur...." Er blickt sinnend gen Himmel. "Warum bist du dann so traurig?"

"Weil der Mensch nur im Leiden wächst und glückliche Menschen keine Geschichte haben! Deshalb!"

"Aha. Und wie viele Geschichten hast du schon geschrieben?"

"Ein Buch voll!" Plötzlich kommen die Tränen. Was soll das hier eigentlich?

"Meine Liebe! Es gibt Menschen, die bekommen noch nicht einmal eine Seite voll! Sei doch stolz darauf!"

Ich schnüffele, suche ein Taschentuch.

"Du?"

"Hmmm?"

"Was machst du eigentlich, so kurz nach dem Abgang deines Felsens? Bist du dann verzweifelt?"

"Nein." Er lacht laut auf. "Dann beginnt die gute Zeit für mich. Der Abstieg ist nur für mich, meine private Ewigkeit. Dann brauche ich kein Mythos sein und bin nur glücklich. Denke und denke und denke, bis der Schmerz von vorne beginnt."

Das Wetter wird plötzlich schlechter. Wolken, grau und schwer, nehmen die Sicht auf den Gipfel. Und ich verspüre Hunger. Irgendwie kommen wir beide nicht so schnell voran, und ich mache mir schon mal Sorgen um den Abstieg. Ich will nicht im Freien übernachten müssen.

 

 

"Also - ich habe noch eine Menge Bedürfnisse! Jetzt zum Beispiel. Ich habe Hunger und muss mal..., du weißt schon!"

 

"Na, dann geh' eben. Ich muss aber weiter..."

      Ich verschwinde in der Landschaft.

Eigentlich müßte ich doch gleich aufwachen. So lange träume ich sonst nie. Und wenn ich nun ein Schmetterling bin, der träumt, ein Mensch zu sein? Vielleicht gibt es gar kein Erwachen mehr? Was ist, wenn ab jetzt alles anders werden muss? Nach dieser Erfahrung? Wieso weiß der eigentlich so viel über mich? Dass ich auf einer Intensivstation arbeite und Probleme mit Männern habe? Und - wenn er das schon weiß - hat er vielleicht als Mythos auch eine Lösungsidee?

"Sisyphos?" rufe ich, während ich meine Kleidung richte. "Liebst du Musik? Kennst du vielleicht 'Die Moldau' von Smetana?"

Keine Antwort.

"Sisyphos?"

Ein wenig in Panik beeile ich mich, auf den Weg zurück zu kommen. Ich kann den Mythos nirgends erblicken.

"Sisyphos!!"

Hat er sich in Luft aufgelöst? Ohne sich zu verabschieden? Oder ist der Spuk vorbei und ich wache gleich auf, eingeschlafen auf dem Stein in der Sonne? Vielleicht hat er ja auch sein Tempo gesteigert, nach dem ich ihn mit meinen Fragen nicht mehr aufhalte??

Ich gehe schneller.

"Sisyphos? Sisyphos! Wo bist du? Hey!" Nichts zu sehen. Und riechen kann ich ihn ja nicht.

Doch.

Dann sehe ich den Stein. Er hat seinen eigenen Weg gewählt und liegt weit unten bei dem Latschenkieferwäldchen.

Komisch. Das hätte ich doch hören müssen, als der abging! Muss einen Krach wie ein ganzer Bergrutsch verursachen!

Der Mythos hat seinen Fels verloren!! Aha. Das ging ja schnell.

Also, auf ein neues. Aber wo ist der Mythos mit den schönen Augen? Der ehemalige König von Korinth? Nur, weil ich vermute, dass ich sehend bin, brauche ich noch nichts erkennen!

Mir sind meine Geschichtskenntnisse aus ferner Schulzeit wieder eingefallen, es gab, glaube ich, noch andere Gründe für seine Verbannung in den Tartarus.

Aber das spielt wahrscheinlich keine Rolle mehr, jetzt und hier.

Unschlüssig stehe ich auf der Stelle, drehe mich um mich selber und halte Ausschau. Es hat wohl keinen Sinn, nach ihm zu rufen. Ich hole einstweilen mein Brot aus dem Rucksack und nehme einen Schluck aus meiner Trinkflasche.

Einsam wird mir.

Ich muss zurück, das Wetter spielt nicht mehr mit. Vielleicht begegne ich ihm ja unten wieder? Und wenn er nun ganz weg ist, weil nun seine Zeit anbricht, die Zeit, in der er kein Mythos ist und alle Regeln hinschmeißt? Er hat recht. Das glaubt mir kein Mensch, vor allem, dass der Tod eine Frau ist!! Und wir die Patienten den Berg hinunter werfen!

Ich nehme meine Stöcke, renne, hektisch, in Panik.

Komme endlich zu dem Felsblock, der genau so da liegt, wie ich ihn beim Aufstieg vorfand. Vom Mythos keine Spur. Jetzt kann ich ihn nicht mehr sehen.

Der Rückweg ist dunkel und schwer, aus anderer Landschaft. Ich seufze. Da fallen mir meine Zeichnungen ein: Genau! Ich habe ihn doch gemalt! Das ist der Beweis!

Ich krame meinen Block aus der Jackentasche - blättere....

Nichts!

Kein Strich, kein Schatten, überhaupt gar nichts ist auf den Seiten zu sehen. Aber ich habe ihn doch gemalt?? Auf vier Blättern!!

Was sagte er? 'Wenn du meinst, dass das sinnvoll ist und du mich erkennen kannst'!

Jetzt bin ich wirklich der Verzweiflung nahe. 'Ich muss weiter'. Das waren die letzten Worte.

Dann höre ich Musik. Ich drehe den Kopf, aber ich weiß nicht, woher sie kommt. Es ist Smetana, ja, 'Die Moldau' höre ich, hier, jetzt, klar und deutlich. Wehmütig dehnt und windet sich die Geige in meinen Ohren.

Ich muss auch weiter. Das ist die Abschiedsmusik. Kein Zweifel. Er schickt mir 'Die Moldau' virtuell ins Gehör. Es ist halt eine Möglichkeit. Mehr nicht.

Es wird dunkel, und ich habe meine Taschenlampe nicht eingepackt. Unverantwortlich!

Der Weg kommt mir unendlich lang und beschwerlich vor. Ist das noch derselbe Weg? Und 'Moldau' hat zu Ende gespielt. Schade.

Was weiß ich nun? Was hat's gekostet, was hat's gebracht? Wir Frauen dürfen die Männer nicht kopieren, wir werden sie niemals davon abhalten, so zu sein, wie sie nun mal sind, wir dürfen in der Medizin Mensch und Stein nicht entzweien, bestrafen mit Sexentzug nur uns selbst, sind uns als Frauen alle nicht einig, und ich sitze in der Falle, die ich mir selber gebaut habe, jedoch bei offener Türe. Und wenn der Stein oben ist, werde ich tot sein. Allein - wie das alles zu ändern ist, dazu blieb keine Gelegenheit mehr und der Mythos hat sich aus dem Staub gemacht! Ach ja. Ich soll die eine oder andere Gelegenheit, zu bouldern, auslassen. Hm. Früher hieß das 'baggern', jetzt sagen wir bouldern. Nicht schlecht.

Was noch?

Der Kampf gegen Gipfel kann ein Menschenleben ausfüllen und wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das hat doch schon mal jemand behauptet!? Wer war es nur? Irgendein philosophischer Wortakrobat, glaube ich. Na, egal. Wenn der wüßte, dass ich diesen Mythos höchstmyself gesehen habe, in virtueller Landschaft, wir könnten zusammen die Welt verändern. Doch - wer will das eigentlich alles wissen? Wer??

Gott, ist das dunkel! Und Hunger habe ich, das ist unglaublich! Ob das überhaupt der Weg ist? Kommt mir alles sehr verändert vor. Oder bin ich jetzt anders? Vielleicht sehe ich jetzt tatsächlich? Nur, weil ich vermute, dass ich sehend bin, brauche ich ja nichts erkennen, und kann keine Wahrheiten schauen. Doch die Realität... naja, der Möglichkeit nach vorhanden...wer bestimmt, was Realität und was Wahrheit ist? Wer?

Endlich stehe ich bei meiner Zimmerwirtin in der Tür, aufatmend. Geschafft!

"Grundgütiger! Wo kommen Sie denn jetzt her? Wir haben sie schon suchen lassen! Und wie schauen Sie aus? Ist was passiert?"

Ich sehe an mir herunter.

Meine Jacke ist schmutzig und durchnässt, der Ärmel hat einen Riss, ich bin ein wenig müde, aber sonst?

"Mich suchen lassen? Ist das nicht ein wenig übertrieben? Die paar Stunden?"

"Stunden?? Tage! Sie waren drei Tage fort! Wo sind Sie denn hin gelaufen, Jesus Barmherzigkeit?"

Ich war drei Tage fort? Deshalb habe ich solch einen Hunger! Aber wo war ich denn wirklich?

"In anderer Landschaft", sage ich. "Sie werden es mir nicht glauben."

Doch stimmt es. Der Möglichkeit nach passiert.

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