Ich heiße Hildebrand
Ich habe sie alle überlebt - meinen einzigen Sohn, meine Frau.
Sie hat mich im Schlaf verlassen, einfach so, unbemerkt und ohne sich zu verabschieden, nach 60 gemeinsamen Jahren, nach schweren Zeiten mit zwei Weltkriegen.
Ganz still lag sie neben mir, morgens beim Erwachen.

Wächserne Stille und tiefer Frieden über ihr. Ich habe ihre Hände gefaltet, das liebe, schöne Gesicht gestreichelt und sehr geweint, dankbar für die letzten, die allerletzten gemeinsamen Minuten des Abschieds. Ihr Lachen fehlt mir jedoch mehr als alles andere auf der Welt.
Mein Sohn ist schon lange gegangen.
Sie fanden ihn auf den Bahngleisen zwischen Bad Berka und Weimar. Wir haben nie erfahren, was ihn dorthin getrieben hat. Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel zur Welt. So ist das Leben.
Er sollte es eigentlich besser haben, eine gute Kindheit und Jugend und ein Studium. Dafür haben wir alles getan. War es zu viel? War es falsch?
Was ist schlimmer, als wenn Eltern ihr Kind überleben? Unser Sohn liegt auf dem Friedhof in Weimar, dort haben wir ihn jede Woche besucht, Zwiesprache gehalten und immer wieder die gleiche Frage gestellt. Und nie die Antwort gefunden. So ist das Leben.
Ich liebe Vögel. 
Früher, als auf meine Augen noch Verlass gewesen, konnte ich stundenlang mit dem Fernglas in Bäume schauen und gab jedem Vogel einen Namen. Heute kann ich sie nur noch hören. Ich erkenne sie an ihrem Zwitschern und kann den Frühling kaum erwarten, wenn sie nach der Winterstille ihre Schnäbel wieder öffnen, und der Himmel angefüllt ist mit ihrem Flattern, mit ihrem Gesang. Dann sitze ich in dem geliebten Garten in unserem letzten Hort, der Alteneinrichtung, in dem wir den glücklichsten Teil unseres Lebens verbringen durften, nur 12 Kilometer von unserem Heimatort Kranichfeld entfernt. Behütet, versorgt in einer Gemeinschaft, ohne Angst und mit zuversichtlichem Blick auf jeden neuen Tag.
Inzwischen bin ich der älteste Bewohner. So ist das Leben. Es gibt kein anderes. Also nehme ich es so.
Ich liebe Pferde.
Gerne streichelte ich noch einmal den Hals eines Pferdes, hörte ihr Schnauben und atmete den unbändigen Geruch nach Kraft und Wildheit. Mein Großvater züchtete Pferde für die Armee.
Im Pferdestall war ich stets lieber als in der Schule. Da gab es zu oft Prügel. Das ist heute ja alles anders, und das ist auch gut so.
Was in Buchenwald geschah, hatte ich damals nur geahnt.
Es war eine schreckliche Zeit. Manchmal habe ich den Häftlingen etwas Brot zugesteckt, aber nicht zu oft, ich hatte zu viel Angst, erwischt zu werden. Und zum Ende des Krieges zogen die Häftlingszüge direkt durch Weimar, vom Ettersberg über den jetzigen Stadtring raus aus der Stadt, nur wenige Meter von unserem Seniorenheim entfernt. Die Amerikaner zwangen uns, die Greuel in Buchenwald anzuschauen. Aber das ist schon sehr lange her. Und die Mauer steht auch nicht mehr.
Die Heimleitung möchte meinen hundertjährigen Geburtstag mit mir feiern.
Das kann ich nicht entscheiden, das liegt in Seinen Händen.
Aber eigentlich warte ich auf den großen, schwarzen Vogel, der mich auf seine Flügel nimmt, in eine neue Zeit, in eine andere Welt.
Und fliegen wir auf, mitten in Himmel ein, werde ich singen, werde ich: "Das gibt's nicht!" schreien, werde ich alles verstehen, und wieder glücklich bei meiner Familie sein.
Damit er mich auch findet, mein großer schwarzer Vogel.
Dieser Text wurde veröffentlicht in:
"Volksfest 2/1999, Alter und Senioren", Das gesellschaftliche Literaturmagazin
Hrsg. Alfred Büngen, Geest-Verlag
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